Die Phantasie ist ein ewiger Frühling*

Luise

 Auszug aus "Luise und Marco - Im Bann der Ketzer von Trier"

 

 

Erst später wurde Luise bewusst, wie sehr dieses Antlitz ihr eigenes widerspiegelte. Nur dass die Dame auf diesem Miniaturbild in einem anderen Jahrhundert gelebt haben musste und eine Frau von ungefähr dreißig Jahren darstellte, wie Luises Mutter ihr später erklärte, als diese das kleine Porträt am selbigen Tag des Fundes betrachtete. Die ganze Familie wunderte sich, weshalb kein größeres Bild von der Urahnin in der Galerie zu finden war. Hier, wo sämtliche Vorfahren bis zurück in das zwölfte Jahrhundert verewigt an der Wand hingen. Schließlich gelangte man zu der Überzeugung, dass in jener gefährlichen Zeit es wohl niemand gewagt hätte, das Bildnis einer sogenannten Hexe, die verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden war, in seiner Gemäldeausstellung aufzuhängen. Noch am gleichen Abend entschied Luises Vater, dieses Versäumnis müsse umgehend nachgeholt werden; man würde ein Bild nacharbeiten lassen. Die Seiten der Bücher sollte ein fingerfertiger Buchbinder sorgfältig einfassen, entschied Luise bei näherer Betrachtung. So entstand letztlich ein gigantisches Ölgemälde, angefertigt von einem holländischen Maler nach Vorgabe des Miniaturbildes. Die Niederschriften schienen einerseits ein Tagebuch, andererseits ein Kräuterbuch zu sein. Dieses Kräuterheft trug die Signatur Luise von Hatzenfeld, im Jahre des Herrn 1577. Das zweite Buch datierte vom fünften Oktober 1587. Luises Augen weiteten sich merklich, gebannt vor Aufregung. Behutsam legte sie die zwei Bücher wieder in die Schatulle.

 

Annegret

Auszug aus "Annegret, die Raubritterin"

 

16. Schufte und Freunde

Der Winter kam, kalt und frostig und unerbittlich. Die Turmbewohner trauten sich kaum noch vor die Tür, denn es herrschten eiszeitliche Verhältnisse. Aber mindestens einmal täglich musste jemand hinabsteigen und beim Fluss Wasser schöpfen, denn das brauchten sie zum Trinken und Kochen. Gerne übernahm Jussef diese Arbeit, obwohl ihm das Treppensteigen immer noch schwer fiel. Aber sein Bein wurde langsam wieder kräftiger, seine Verletzung heilte allmählich aus. „Wie soll ich später reiten und fechten, wenn mich meine Beine nicht tragen“, sagte er sich, „und wie soll ich durch die Lande reisen oder zum Gebet niederknien, wenn meine Beine nicht gesund sind.“

Die Tage waren kurz, die Nächte lang und dunkel. Umso schöner war es, dass nun auch Jussef im Turm wohnte, dessen Vorrat an spannenden Geschichten, an Legenden und Märchen schier unerschöpflich war. Mittlerweile hatte sich auch Großtante Griselda an ihn gewöhnt und hörte ihm gerne zu. Manchmal nickte sie allerdings beim Zuhören ein, aber ihr Gesichtsausdruck verriet, dass ihr die Geschichten gefielen und auch im Halbschlaf schien sie noch zuzuhören. So wie er Annegret „schönes Fräulein“ und Maximilian „mutigen Ritter“ nannte, so hatte er angefangen, die Großtante „edle Dame“ zu nennen. Bei dieser Anrede musste Tante Griselda immer kichern, aber es schien ihr zu gefallen.


* Zitat:

 

Die Phantasie ist ein ewiger Frühling.

 Johann Christoph Friedrich von Schiller